Bertolt Brecht – eine Fluchtgeschichte

Im Rahmen der Blogparade des Literaturfests München mit dem Thema „Fluchtgeschichten“ möchte ich über eine Flucht schreiben, die mich im Rahmen des Brechtfestivals natürlich immer wieder, und gerade in Zusammenhang mit dem letzt- und diesjährigen Motto ganz aktuell, beschäftigt: Der Fluchtgeschichte von Bertolt Brecht! Nicht nur die Gründe für und Konsequenzen von Flucht scheinen heute wie damals ähnlich, auch Brechts Worte zu diesem Thema lassen sich von der Zeit seines Exils in die Gegenwart übertragen. So ist dies zwar kein Artikel über ein aktuelles Beispiel, in seinem Inhalt aber aktueller denn je.

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(Brecht im Exil in New York, Bild aus dem Band von Grischa Meyer „Ruth Berlau – Fotografin an Brechts Seite“)

 

* „Das Volk verliert jeden Krieg“ (Oktober 1947, Brief an Familie Dieterle)

Die Erfahrung der Flucht und des Exils war prägend für Brecht und sein Wirken. Im letzten Jahr hat sich das Festival unter dem Motto „Brecht und Exil“ bereits intensiv mit diesem Lebensabschnitt Brechts befasst. Da der Blog aber erst dieses Jahr richtig gestartet ist und das Thema auch diese Festivalperiode wieder aktuell ist, möchte ich Euch hier einen Einblick in die Fluchterfahrung Brechts geben. Gerade mit den Bildern und Nachrichten der heutigen Situation von geflüchteten Menschen im Hinterkopf, zeigen Brechts Erfahrungen, dass Flucht zeit- und raumübergreifend auf der ganzen Welt in ähnlichen Formen auftritt.

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(Links: Flüchtlinge aus Afghanistan kommen auf Kos an, © Yannis Behrakis/Reuters; rechts: Eine vertriebene deutsche Frau am Berliner Bahnhof, © AP)

Eugen Berthold Friedrich Brecht wurde in Augsburg geboren und zog 1917 nach München und dann nach Berlin, wo er große Erfolge als Schriftsteller und am Theater feierte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 war ein Leben in Deutschland für Brecht nicht mehr möglich. Seine Schriften, sein linksverortetes Denken und auch seine jüdische Ehefrau Helene Weigel – all das waren Gründe für die Nationalsozialisten, Brecht zu verfolgen. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 floh er schließlich mit seiner Frau – zuerst über Prag nach Wien, schließlich alleine in die Schweiz und nach Frankreich. Auch Brecht musste, wie Flüchtlinge zu jeder Zeit, die schlimme Erfahrung machen, auf der Flucht von seiner Familie getrennt zu sein. Während Brecht und Weigel schon in Wien bei Helene Weigels Vater untergekommen waren, kamen die Kinder des Ehepaars erst später nach (sein unehelicher Sohn Frank blieb bei seiner Mutter Paula Banholzer). Und während Brecht alleine in der Schweiz und Frankreich war, floh Helene Weigel mit den Kindern weiter nach Dänemark. Dort traf die Familie im Juni 1933 schließlich wieder aufeinander. In Dänemark konnte die Familie Brecht vorerst relativ unbescholten leben, auch wenn der Broterwerb schwierig war. Brecht reiste zwar durch Europa, fortwährend am Arbeiten und Inszenieren, allerdings war ihm ein wichtiger Teil seines Handwerks genommen worden: die deutsche Sprache. Außerhalb Deutschlands war die Arbeit in seiner Muttersprache natürlich kaum mehr gegeben.

* „(…) würde ich sehr gern bei der Übersetzung mithelfen (…). Ich habe auch nichts dagegen einzuwenden, daß mein Name mitgedruckt wird, allerdings müßte es dann heißen Margarete Steffin und Bertolt Brecht, da ich, wie jedermann weiß, ja nicht Dänisch verstehe“ (April 1938, Brief an Martin Andersen-Nexö)

 

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(Oben links: Deutsche Flüchtlinge 1944, © Europäisches Jugendwerk e.V.; oben rechts: Flucht über die Prager Botschaft 1989; © dpa; unten links: Flüchtlinge in Österreich 2015, © dpa)

Glücklicherweise konnte er zumindest zunächst trotzdem immer wieder deutschsprachige Aufführungen inszenieren. Am 8. Juni 1935 wurde Brecht schließlich aus Deutschland ausgebürgert, mit der Begründung, dass seine „Machwerke“ von „niedrigster Gesinnung“ zeugten. Anfang 1939 wurde auch Brecht bewusst, dass er dem Krieg in Europa entfliehen muss: er stellte ein Einreisevisum für die USA und plante seinen Umzug nach Schweden.im April zog er nach Lidingö. Ein Jahr später besetzten deutsche Truppen Dänemark. Brecht floh weiter nach Finnland und bemühte sich parallel weiter um ein Visum für die USA.

* „(…) es ist möglich, daß wir hier nicht mehr lang bleiben können. Vielleicht bekämen wir ein finnisches Einreisevisum, wenn wir von Ihnen eine Einladung zeigen könnten“ (April 1940, Brief an Hella Woulijoki)

* „Ich bekam heute mittag die Visa und es ist dadurch eine große Last weggenommen. Glauben Sie mir, daß ich Ihre Arbeit dafür sehr hoch anschlage und genau weiß, wieviel Mühe so etwas kostet und wie sehr so eine Bemühung mit Ämtern einem die produktive Arbeit unterbricht“ (April 1939, Brief an Henry Peter Matthis)

* „Ich weiß noch nicht, wieviel ich brauche, bis ich auf dem Boot bin, sonst lasse ich Geld zurück. Ich habe nicht viel flüssig, da ich schon Geld nach Helsinki geleitet habe“ (April 1940, Brief an Ruth Berlau)

1940 im September erhielten die Brechts ein Einreisevisum für Mexiko – ihre Weggefährtin Margarete Steffin allerdings nicht. Brecht stand also vor der unfassbar schwierigen Wahl, eine gute Freundin (und Geliebte) zurückzulassen oder bei dieser zu bleiben und sich selbst in Gefahr zu bringen. Die Brechts reisten nicht aus. Im Mai 1941 erhält Familie Brecht Einwanderungsvisa für die USA, Steffin ein Besuchervisum. Am 16. Mai 1941 machten sie sich schließlich nach der Erteilung der Visa bis nach Wladiwostok auf, um von dort aus mit einem Frachter in die USA zu gelangen. Steffin starb auf der Reise in Moskau, die Brechts kamen am 21. Juli in Los Angeles an. Brecht erschütterte der Tod seiner Weggefährtin tief. So schreibt er:

„Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin
Gehe ich blicklos herum, ruhelos
In einer grauen Welt staunend
Ohne Beschäftigung wie ein Entlassener“ (1941, Gedicht „Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M.S.“)

Im Exil in den USA traf Brecht auf viele andere deutsche Emigranten, was ihm den Aufenthalt wohl erleichterte, allerdings musste er auch den Tod seines ersten Sohnes Frank an der Ostfront verkraften. Nach dem Krieg blieb Brecht zunächst in den USA, ab dem Frühjahr 1947 bemühte er sich um eine Rückkehr nach Europa. Diese gestaltete sich genauso schwierig, wie seine Flucht aus Europa. Unter anderem wurde er durch den Kongreßausschuß für unamerikanische Betätigungen (HUAC) verhört.

* „Da ich staatenlos bin und mein amerikanisches Identifikationspapier in der Schweiz nicht erneuert wurde, mußte ich bis jetzt in Zürich auf ein schweizerisches Reisepapier warten“ (Ende September 1948, Brief an Otto Katz)

Über Paris und Zürich kam Brecht 1948 schließlich nach Berlin, im Mai 1949 bezog Familie Brecht letztendlich ein Haus in Berlin-Weißensee. Eine Einreise in die westdeutschen Besatzungszonen blieb Brecht bis zu seinem Tod verwehrt.

* „Daß Sie einen deutschen Stückeschreiber nach Deutschland hineinlassen, kann natürlich niemand Sie zwingen, Herr General, aber dies braucht noch nicht zu   bedeuten, daß niemand es verlangen sollte“ (Sommer 1948, Brief an Lucius D. Clay, General der US-Army)

ntvA procession of German civilians walk along the Calcar road towards Goch, Germany, and the safety of Allied lines, February 27, 1945. The families are leaving the battle zone just before the First Canadian Army launch their new offensive on Calcar. (AP Photo/Eddie Worth)

(Links: © Ntv; rechts: Deutsche Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg, © AP)

Man sieht: Brecht hatte ein bewegtes Leben, welches nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch aufgeladen war. Sowohl seine Flucht, wie auch sein Versuch heimzukehren, waren von den Problemen und Hindernissen geprägt, die auch heute Menschen, die fliehen müssen, zu meistern haben. Seine Aussagen ähneln denen der Menschen, die ganz aktuell auf der Flucht sind und ins Exil gehen: sei es, dass Verwandte und Freunde zurückgelassen werden müssen, dass es Probleme mit den Papieren gibt, dass man sich missverstanden und hilflos fühlt. Seine Schriften zu dieser schweren Zeit geben einen Einblick, wie sich ein geflüchteter Mensch fühlt – ganz egal, ob in der Vergangenheit oder der Gegenwart.

* „Endlich habe ich Schweizer Reisepapiere bekommen und kann planen. Wie ich mein Stillschweigen entschuldigen soll, weiß ich allerdings nicht, ich kann nur sagen, daß ich eben Tag für Tag vertröstet und hingehalten wurde und immer hoffte, in ein bis zwei Tagen   endlich etwas Endgültiges schreiben zu können“ (September 1948, Brief an Caspar Neher)     

* Über die Bezeichnung Emigranten (Gedicht, 1937)                                                                                             

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten.                                                                              

Das heißt doch Auswandrer. Aber wir                                                                                                                     

Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß                                                                                               

Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht                                                                                         

Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer.                                                                                               

Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.                                                                                                       

Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da                                                                                                                                                                                                        aufnahm.

 

– Dina –

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5 Replies

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  1. Vielen Dank, liebe Dina und Kolleg_innen für diesen tollen Beitrag zur Blogparade #fluchtgeschichten. In Zeiten wie diesen ist es sehr wichtig, die Menschen dieses Landes an ihre eigene Fluchtgeschichte zu erinnern. Die Gegenüberstellung der Bilder ist sehr eindrücklich. Liebe Grüße!

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